Gestatten, das Przedswit!

Gestatten, das Przedswit!

Welche Pferde sind in der Akademichen Reitkunst vertreten. Nachdem Stefanie Niggemeier über ihre Morgans in der ersten Ausgabe dieser Blogserie berichtet hat, habe ich den Rasseexperten Martin Haller gebeten, mir über „mein“ Przedswit etwas zu verfassen.

Warum ich „mein“ – sage – nun meine Pina ist eine Vertreterin dieser Rasse.

 Der Przedswit-Stamm

Der Hengst Przedswit erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Bedeutung in der österreichischen Zucht des englischen Halbbluts. Der Vollblüter aus der gräflich Tarnowskischen Zucht des Grafen Johann Tarnowski in Chorzelow, Galizien, hatte ein tolles Pedigree (von Knight of the Garter aus der The Jewel, von Stockwell). Dazu besaß er eine bedeutende Eigenleistung als Rennpferd, hatte er doch 1875 das österreichische Derby und 1876 den Großen Preis von Baden-Baden gewonnen, somit viel Härte bewiesen.

Als er noch in diesem Jahr als Vierjähriger in Piber aufgestellt wurde, erweckte er große Hoffnungen in der Fachwelt, kam allerdings zu spät, weil das Gestüt schon 1878 ein Remontendepot ohne Zuchtaufgabe wurde. Lesen wir, was Wrangel schrieb:

„Zum Glück gibt es in Piber einen Beschäler, der – richtig benützt – das Zeug in sich hat, dem scheinbar arg vernachlässigten Gestüt eine bessere Zukunft zu eröffnen. Wie sein Name ausgesprochen wird, vermag ich nicht zu sagen, geschrieben wird er Przedswit; mit einem herzhaften Niesen wird man seiner Aussprache wohl am nächsten kommen… Wenn vorzügliches Blut und ein jeder Kritik strotzendes Exterieur zu großen Hoffnungen berechtigen, darf man von ihm Großes für die Zucht erwarten. Man weiß nicht, was man an ihm am meisten bewundern soll… ja, Przedswit ist ein Prachtexemplar, und würde man in Piber nur ihn allein zu sehen bekommen, würde doch kein Pferdefreund die Fahrt in das entlegene Gestüt bereuen.“

Nach nur zwei erfolgreichen Zuchtjahren versetzte man den Prachthengst nicht etwa in eines der anderen Gestüte, sondern „versenkte“ ihn in der Landeszucht. Von Stadl-Paura aus ging er jährlich auf Station, wurde schließlich nach Prag verlegt und bekam dort 1889 eine schwere Lungenentzündung, der er schließlich durch Herzlähmung erlag. Sein Sohn Przedswit I aus einer normannischen Stute wurde zum Platzhalter des Stammes, welcher sich vor allem in Radautz gut entwickelte und zahlreiche sehr edle, leistungsfrohe Armeepferde lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangten diese Pferde nach Polen und in die Tschechoslowakei, während Österreich nur wenige Exemplare behalten konnte. Mit diesen wurde die Stammzucht noch einige Jahrzehnte fortgeführt, teils unter Anpaarung an die anderen altösterreichischen Restbestände. 1919 wurde das Furioso-Przedswit Gestüt Perwarth (NÖ) mit Radautzer und Piberer Pferden errichtet. In der Zwischenkriegszeit wurde die mährische und polnische Zucht des altösterreichischen Warmblut-Pferdes maßgeblich durch Söhne von Przedswit VIII und Furioso XIII beeinflusst. 1932 wurde das Gestüt nach Piber verlegt; 1942 wurde Piber als Zuchtbetrieb aufgelöst, wobei ein Teil des Pferdebestandes in das preußische Hauptgestüt Graditz und ein Teil in die burgenländische Landeszucht gelangte.

Mit dem 1963 in Piber geborenen Przedswit XIII endet die Geschichte des Przedswit-Stammes in unserem Lande, denn er wurde an die damalige CSSR abgegeben. Dort besteht die Rasse in geringen Beständen in der Landeszucht fort, wobei auch das junge Mährische Warmblut über Blutanteile des Stammes verfügt. Ein wenig genützter, aber typischer und leistungsstarker Hengst steht „vergessen“ im Hengstdepot Pisek, einige weitere in den wenigen böhmischen Privatgestüten, die sich diesem leistungsstarken und schönen Schlag widmen. Nach der Auflösung des Warmblutgestütes von Piber 1981 gelangte ein kleiner Teil der Gestütsstuten in die Landeszucht, die Hengste wurden im staatlichen Hengstdepot Stadl-Paura untergebracht, wo sie als Lehrpferde eingesetzt wurden.

Ein Piberer Furioso-Hengst, der 1967 geborene 978 Furioso XXIV-82, wurde von Familie Budik 1986 in Stadl-Paura als Schulpferd wieder aufgefunden und mit großen Schwierigkeiten züchterisch verwendet, dann 1988 vor der Schlachtung durch Kauf bewahrt und konnte noch fünf Mal decken. Die Familie des Brigadiers Karl Budik begann 1985 mit der Erhaltungszucht altösterreichischer Halbblut-Pferde im niederösterreichischen Gramatneusiedl. Sven Budik wurde als Tierarzt und Genetiker zu einem Experten auf züchterischem Gebiet und führt das Werk der Eltern mit großer Begeisterung fort. Die Familie bewahrt einige hoch interessante Pferde und Dr. Sven Budik konnte wertvolle Kryokonserven einiger inzwischen toter Hengste anlegen. Diese werden an der Hochschule in Wien verwahrt und leider recht wenig genützt; ein Fohlen aus einer KB und aus einer „normalen Warmblut-Stute“ erhält natürlich ein Abstammungspapier als Österreichisches Warmblut und bleibt somit „unerkannt“.

Die bedeutendste Zuchtstätte des Przedswit-Stammes dürfte das Gestüt des Herrn Dipl. Ing. Jaroslav Richter, in Janovice bei Jívka (Janovice 333, CZ-541 01 Jívka bei Trutnov) in Nordost-Böhmen sein. Dort, inmitten des alten schlesischen Siedlungsraumes, wird auf rund 340 ha herrlichem Weideland eine Herde von rund 160 Pferden gehalten. Diese leben, solange die Witterung es zulässt, in freier Natur auf den Bergweiden und erhalten nur bei Schlechtwetter oder mangelnder Weide eine grobe Silage (Heulage), dann jedoch ad libitum. Dazu bekommen sie Minerallecken in relativ großer Menge und saufen das frische Wasser der Berge. Ihre Haltung kann man als extrem robust bezeichnen; Herr Richter nimmt sich das alte Gestüt Radautz zum Vorbild und führt seinen entlegenen Betrieb nicht nur nach dessen Muster, sondern erhält auch einen identischen Pferdetyp. Seine Stuten sind ein ausgeglichenes Lot von Füchsen, Braunen und einigen Schimmeln, die neben den alten Linien meist auch etwas Shagya-Blut führen. Ihre Fohlen sind frohwüchsig und robust, dabei trittsicher und gelassen. Rund fünf Beschäler werden im Turnus eingesetzt, davon meist auch ein guter, reiner Vollblüter. Der Vollblutanteil in der Population wird mit rund 40 % bewusst hoch gehalten – dem Beispiel von Radautz folgend; auch ein arabischer Anteil von rund 5-10 % ist vorhanden und gibt den Pferden noch mehr Ausdauer und schöne Köpfe. Man darf sagen, dass hier der letzte Rest des besten altösterreichischen Halbblutes bewahrt wird – von einem idealistischen Mann, der sein Lebenswerk darin sieht, diese wunderbaren Pferde zu retten. Wir sollten uns vor ihm in Dankbarkeit verneigen – denn Österreich hat diese Rasse 1983 wissentlich und willentlich entsorgt.

Pferde des Stammes Furioso-North Star-Przedswit sind ausgezeichnete, ausdauernde Reittiere mit flachen, raumgreifenden Gängen und oft gutem Springvermögen. Sie sind vorwiegend dunkel gefärbt, meist Braune, mit nur wenigen und kleinen Abzeichen; zwischen 160 und 167 cm Stockmaß stehend. Es sind typische Halbblüter mit deutlich „englischem“ Überguss, die einem Mittelgewichts-Hunter entsprechen. Mittelgroßer, nobler Kopf mit wachem Ausdruck und oft großen Ohren. Kräftiger Hals von ausreichender Länge, der in einen deutlich markierten, langen Widerrist übergeht. Kräftiger Rücken, gute Gurttiefe, ausreichende Breite. Leicht schräge Kruppe mit bedeutender Muskulatur; tief getragener Schweif. Stabiles Fundament von guter Knochenstärke und Korrektheit; harte, eher große Hufe; kaum Behang. Englische Halbblutpferde waren deutlich blutgeprägt, sie besaßen also den Adel und das Feuer des englischen Vollblutes, gepaart mit dessen athletischen Fähigkeiten, und vor allem einen guten Galopp, der für ein Truppenpferd unerlässlich ist. Über die meist orientalisch geprägte Mutterseite kamen Ausdauer, Zähigkeit und Intelligenz hinzu – eine ideale Kombination für sportliches Fahren, Vielseitigkeit, Distanzritte und Jagdreiten. Im Springsport und in der Dressur zeigen die Przedswit-Pferde elastische, praktische Gänge und viel Vermögen am Sprung.

Martin Haller

Martin Haller züchtet selbst Pferde und ist Autor vieler Fachartikel und Bücher.

Als engagierter FN-Zuchtrichter ist er ein anerkannter Pferdekenner und gefragter Gastreferent.
In Österreich hat er den Ausbildungslehrgang „Ponymaster“ ins Leben gerufen – eine umfassende Ausbildung für Reitlehrer.

Die Jungpferdeausbildung mit Beziehung

Die Jungpferdeausbildung mit Beziehung

„Immer langsam mit den jungen Pferden“. Dieser Spruch wird sogar häufig von Nicht-Reitern benutzt. Aber wie klappen denn nun die ersten Schritte mit den jungen Pferden korrekt?
Meine liebe Kollegin Bianca Grön hat einen Artikel für das Bookazin „Feine Hilfen“ Ausgabe Nr. 17/ 2016 verfasst.

Die These:

Kinder können selbst schwierige Inhalte leicht lernen, wenn die Beziehung zur Lehrperson stimmt. Dieser „Erfolgsgarant“ ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen.
Warum sollte es bei Pferden anders sein?

Bianca Grön über die Arbeit mit Jungpferden im Sinne der akademischen Reitkunst. 

Das wichtigste in der Ausbildung ist die Beziehung zwischen Pferd und Lehrmeister. Reitkunst ist Horsemanship und wie das Wort schon sagt, geht es dabei vor allem um Horse – man – (partner)ship, die Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd.

Tradition und Ethik

Die Jungpferdeausbildung und das Wissen um die Art und Weise, wie man ein Pferd schult, hat eine jahrhundertealte Tradition. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. schrieb der Kavallerieoffizier Simon von Athen:

„Was ein Pferd gezwungen tut, kann ebenso wenig gut oder schön ausfallen, als wenn man einen Menschen mit einem Stachel und mit Peitschenhieben zum Tanzen antreiben wollte … Das Pferd muss sich durch die Hilfen und Zeichen, die ihm der Reiter gibt, schon von selbst das edelste und prächtigste Ansehen geben.“

Ähnliche Zeilen lassen sich in den meisten Lehren der Reitmeister vergangener Zeiten finden.

Ohne Pferdeverstand und Anstand konnte man früher genauso wenig wie heute ein Pferd bis zur hohen Schule ausbilden. Ein Ritter (frz. chevalier, ital. cavaliere, engl. cavalier ) besaß Tugenden. Davon abgeleitet entstand der Begriff des Kavaliers, bis heute noch bekannt als der Beschützer der Damen – ein Mann mit Etikette.

Genau diese Ethik ist in der Ausbildung des Pferdes von großer Bedeutung. Wenn wir eine Beziehung zum Pferd aufbauen wollen, sind moralisches Handeln und die Fähigkeit zur Eigenreflexion genauso wichtig wie Empathie und Erfahrung. Durch unser Handeln prägen wir das Pferd, unser Verhalten spiegelt sich also auch in unserem vierbeinigen Schüler wider. Man kann nicht nicht kommunizieren, sagte schon Paul Watzlawick. Das heißt, wir werden das Pferd auf jeden Fall durch unseren Kontakt zu ihm prägen, im Idealfall im positiven Sinne. Aber es kann leider auch zu Missverständnissen und Überforderung kommen, die zu Konflikten und Frustration führen.

Eine sorgfältige Grundausbildung des Jungpferdes bereits vor dem eigentlichen Reiten mindert das Risiko von Krisen und somit auch die Gefahr von Unfällen im Zusammensein mit dem Pferd. Gerade unerfahrene Reiter unterschätzen oft Situationen, weshalb die Kombination von unerfahrenem Pferd und unerfahrenem Reiter problematisch sein kann. Wenn beide noch am Lernen sind, ist die Begleitung durch einen erfahrenen Trainer sehr empfehlenswert.

Erfahrungen muss zwar jeder selbst sammeln, aber hat man sich in eine Problematik verstrickt, kann ein Profi mit seinem Erfahrungsschatz auf dem Rückweg zur Harmonie helfen. Um ein guter Ausbildner zu sein, muss der Mensch die Welt seines Pferdes verstehen lernen. Dafür benötigt man Zeit, man muss sich schließlich auf eine gemeinsame Sprache einigen. Und das erreicht man nicht nur,wenn man das Pferd „arbeitet“: Das Zusammen-„Sein“ ist genauso wichtig wie zusammen etwas zu „tun“. Denn „wir müssen mit dem Pferd heutzutage nichts weiter, als Zeit schön mit ihm zu verbringen“, wie Bent Branderup es ausdrückt.

Kindergarten und Kontakt

Ein wichtiger Aspekt bei der Jungpferdeausbildung ist die Biografie des Pferdes. Wie ist es zum Beispiel groß geworden?

Es ist uns durchaus bewusst, dass die ersten Jahre der Kindheit die Menschen prägen und wie wichtig die Zeit im Kindergarten ist, bevor das Kind eingeschult wird. Kinder werden langsam ans Lernen herangeführt. Die Anforderungen in der Grundschule sind andere als die in den weiterführenden Schulen.

Bei unseren Pferden ist es genauso. Unsere Anforderungen an ein Jungpferd müssen dem Alter angemessen sein. Die meisten Jungpferde können sich nicht lange konzentrieren und müssen erst lernen zu lernen. Sie sollten erfahren, dass ein Lob etwas Positives und Erstrebenswertes ist und dass ein Nein auch Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Der Beginn der Ausbildung unseres Pferdes ist mit dem Kindergarten zu vergleichen. Wir wenden uns dem Pferd zu und es muss lernen, sich getrennt von seiner eigentlichen Herde bei uns sicher und wohlzufühlen.

Damit das Pferd mit uns im Kontakt bleibt, ist eine bewusste Körpersprache genauso wichtig wie innere Gelassenheit und Zugewandtheit.

Fühlt es sich durch unser klares Verhalten in unserer Nähe sicher, dann haben wir schon viel erreicht. Im Idealfall nämlich, dass das Pferd uns nun als seinen Kumpel, einen Teil seiner Herde, ansieht. Klarheit, Konsequenz und Struktur sind gefragt, damit wir Vertrauen zum Pferd aufbauen und Grundregeln aufstellen können. Es geht hierbei immer wieder um die Frage der Führung. Wer führt wen? Wie bei einem Tanzpaar wird auch zwischen Mensch und Pferd einer der beiden die Führung übernehmen. Wenn wir nicht führen, dann führt das Pferd. Unter Führung verstehe ich natürliche Autorität. Mein Ziel ist es nicht, das Pferd zu dominieren. Forcierte Dominanz kann bewirken, dass wir ein gestresstes, abgewandtes Pferd haben, das in brenzligen Situationen eventuell gegen uns agiert. Wir können uns eher auf ein Pferd verlassen, das mit uns in einem guten Kontakt steht. Unser Ziel sollte ein Pferd sein, das gerne mit uns zusammen sein möchte.

Kurz: Bevor wir mit der dressurmäßigen Arbeit, der Gymnastizierung beginnen, haben also andere Themen Vorrang.

Wir erlernen eine gemeinsame Sprache, stellen uns aufeinander ein und erklären die Grundregeln. Das Pferd lernt sich führen zu lassen, anzuhalten und uns auf Spaziergängen zu begleiten. Zudem sollte es lernen, beim Putzen unangebunden stehen zu bleiben. Das schafft einen Komfort im Umgang mit dem Pferd und vereinfacht den Wechsel der Kopfstücke und das Satteln. Je besser die Vorarbeit ist, desto entspannter kann später mit der dressurmäßigen Ausbildung begonnen werden.

Freiarbeit

Die Freiarbeit ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Wir bekommen Infos, wie es dem Pferd mit uns und im allgemeinen geht. Bleibt es bei uns oder sucht es schnellstmöglich das Weite? Zudem können wir unsere Körpersprache und die Kommunikation mit dem Pferd überprüfen. Da wir keine Longe oder Zügel haben, um das Pferd bei uns halten, wird es sehr deutlich, wenn wir gegensätzliche Signale geben, denn dann werden sich die meisten Pferde von uns abwenden. Spätestens dann sollte unsere Eigenreflexion beginnen, wie wir für das Pferd wieder interessant werden. Wir sind bei der Freiarbeit auf die Freiwilligkeit des Pferdes angewiesen, von daher wird hier die Notwendigkeit von spielerischer Herangehensweise am deutlichsten. Nur wenn wir Erwartungen loslassen, werden wir Spaß zusammen haben.

Arbeit am Kappzaum

Mit frühestens 3,5 Jahren beginnen wir mit der dressurmäßigen Arbeit in Form von Boden- und Longenarbeit am Kappzaum. Wir bereiten das Pferd darauf vor, ein Reitpferd zu werden. Aufgrund der natürlichen Schiefe eines jeden Pferdes ist es wichtig, das Pferd in Balance zu bringen. Wir möchten im weiteren Verlauf der Ausbildung nicht bloß Trageerschöpfungen vermeiden, sondern wir wollen unser Pferd auch noch geschmeidiger machen, als es von Natur aus schon ist. In der Bodenarbeit erklären wir die Hilfen, die wir später auch beim Reiten einsetzen wollen. Das sind vor allem der innere und äußere direkte und indirekte Zügel, sowie der innere und äußere Schenkel. In der Bodenarbeit wird die Gerte in Position des jeweiligen Schenkels eingesetzt, in der späteren Reitausbildung kann diese Hilfe vom Bein des Reiters übernommen werden. Auch bei der Longenarbeit geht es um die Erklärung der verschiedenen Hilfen, allerdings aus einer anderen Führposition. Beim Longieren am Kappzaum sehen wir das gesamte Pferd und können daher gut die verschiedenen Grundgangarten verfeinern. Im Allgemeinen ist die Arbeit auf dem Zirkel wertvoll, um Stellung und Biegung zu verfeinern und das Pferd in Balance zu bringen.

Wann ist das Pferd „reif“ zum Anreiten?

Ein erfahrener Trainer wird das Pferd etwa ein Jahr vom Boden aus vorbereiten, bevor mit dem Anreiten begonnen wird. Wir sprechen nicht nur den Geist des Pferdes an, sondern trainieren auch seine Muskeln, Sehnen und Bändern. Beides braucht seine Zeit.

Beim Anreiten sind wir im Idealfall zu zweit. Das „Einparken“ des Pferdes an der Aufsteigehilfe sollte bereits spielerisch erlernt sein. Auch für die Gewöhnung an den Sattel sollten wir uns so viel Zeit genommen haben, wie das Pferd brauchte, um sich mit einem angegurteten Sattel wohlzufühlen. Bei der Gewöhnung an den Reiter bleibt die Vertrauensperson zunächst beim Pferd an der Longe und ein Helfer lehnt sich über das Pferd, bis er sich irgendwann auf das Pferd setzen kann. Auch hier gilt: Wir geben dem Pferd die Zeit, die es braucht, um sich in der neuen Situation gut zu fühlen. Nachdem das Pferd gelernt hat, beim Aufsteigen sicher stehen zu bleiben, beginnen wir mit den ersten gemeinsamen Schritten.

Je mehr Zeit und Geduld wir in diese Grundausbildung investieren, desto mehr Freude werden wir in der weiteren dressurmäßigen Arbeit mit dem Pferd haben.

Kommunikation

Bei der Ausbildung des jungen Pferdes ist es wichtig, seine Motivation und Freude am Lernen zu erhalten. „So soll es ihm ein Spiel sein, durchflochten von Pausen und Belohnungen“, schrieb schon General der Kavallerie Faverot de Kerbrech im 19. Jahrhundert. Wir stellen Fragen und das Pferd antwortet, sodass es zu einem stetigen Dialog zwischen Pferd und Mensch kommt. Gibt das Pferd eine ungewünschte Antwort, ist es unsere Aufgabe, die Frage neu und besser zu formulieren, um die Kommunikation mit ihm aufrechtzuerhalten und Mißverständnissen vorzubeugen. Ein eigentlich schlichtes Kommunikationsproblem kann ansonsten zu Widersetzlichkeiten und beidseitiger Frustration führen.

„Schlechte Manieren verderben die besten Pferde. Die Art des Reiters spiegelt sich in des Pferdes Haltung, Gang und Benehmen. So wie das Pferd Dich errät, so verrät es Dich auch. Unstetigkeit, Unaufmerksamkeit, Affektiertheit, kleinliche Hast, Bequemlichkeit, Launigkeit, Mißtrauen, Bösartigkeit – wie unweigerlich spiegelt sie das Pferd zurück! (…), es schmeichelt Dir nie. Es spiegelt Dein Temperament. Es spiegelt auch Deine Schwankungen. Ärgere Dich nie über Dein Pferd; Du könntest Dich ebensowohl über Deinen Spiegel ärgern.“ (R.G. Binding, Reitvorschrift,1924)

Die wahren Herausforderungen in der Ausbildung sind also nicht die Lektionen, die wir unserem Pferd beibringen, sondern unser eigener Körper und Geist. Die Frage ist daher weniger: Wie gut kann unser Pferd lernen? Sondern vielmehr: Wie gut können wir lehren?

 

„Vergiß aber nie, dass die Erziehung ebenso allmählich vor sich gehen muss, wie das Aufsteigen des Mondes, wobei man auch nur das Ergebnis, aber nie die bewegende Ursache bemerkt.“ (G. J. White – Melville)

 

Vielen Dank an Bianca Grön für diesen wunderbaren Artikel. Mehr über Bianca, die künftig auch einmal im Monat in der Schweiz anzutreffen ist, findet ihr auf ihrer Website.

Der Crossover in der Bodenarbeit

Der Crossover in der Bodenarbeit

Crossover? Was ist das eigentlich? Der Begriff taucht jüngst vermehrt in der Akademischen Reitkunst auf Kursen, in Foren und in Videos immer wieder mal auf. Was Crossover bedeutet und wie es erarbeitet wird – darüber hat sich Simone Garnreiter ein paar Gedanken gemacht und einen Gastartikel geschrieben:

Was ist der Crossover? 

„Das Pferd in fließenden Übergängen aus allen Führpositionen in allen lösenden und versammelnden Lektionen zu arbeiten“.

In der praktischen Umsetzung ist es eine Kunst, an der man durchaus lang feilen kann. Man wird jedoch reich belohnt, wenn man spürt wie beispielsweise Paraden aus allen Positionen rund um das Pferd auf verschiedene Weisen gegeben werden können und man durch die richtige Wahl der Position am Pferd eine bessere Umsetzung der Parade im Pferdekörper ermöglichen kann.

Die Akademische Reitkunst bietet unzählige Möglichkeiten der Ausbildung von Pferd und Reiter am Boden.
Man muss nicht immer reiten um sich und das Pferd Stück für Stück weiter zu entwickeln. So können sich auch Pferde, die ein wenig zu klein sind für ihren Reiter zu gut ausgebildeten feinen Handarbeitspferden entwickeln. Die Arbeit am Boden eignet sich für alle Pferde jeden Alters und schult sowohl den Menschen als auch das Pferd in der Körperwahrnehmung und Körperbeherrschung. Sie leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Geraderichtung des Pferdes.

Balance, Geschmeidigkeit und eine feine Hilfengebung am Boden zu erarbeiten ist in der Akademischen Reitkunst ein breit gefächertes Aufgabenspektrum. Das interessante an der Akademischen Reitkunst am Boden ist, mit wie wenig Equipment man auch hohe Lektionen erarbeiten kann wenn die Kommunikation mit dem Partner Pferd passt. Eine Verwendung von Hilfszügeln erübrigt sich (wie das übrigens generell in der Akademischen Reitkunst üblich ist), für Crossover Groundwork genügt ein Kappzaum, ein Zügel oder Bodenarbeitsseil, eine Gerte, ein Mensch und ein Pferd. Dann ist alles möglich und die Arbeit am Boden erhebt sich zur Kunstform. Das Schöne bei der Arbeit am Boden ist: Man lernt stetig dazu und bleibt im wahrsten Sinne des Wortes zwar auf dem Boden aber niemals in seiner Entwicklung im Stillstand.

Welche Positionen gibt es im CROSSOVER?

Groundwork Position

In der Groundwork Position bezieht der Reiter Position vor dem Pferd und läuft rückwärts. Das Pferd kommt auf den Reiter zu. Diese Führposition ist verwahrend und ermöglicht über den Kappzaum eine Einwirkung auf den Pferdekopf. Die Körpersprache übernimmt die Paraden und das Führen der  Schultern. Die Gerte kann genau dort eingesetzt werden, wo sie gerade benötigt wird; vorwiegend und in der Basisausbildung dient die Gerte als innerer Zügel und innerer Schenkel. Die Verwendung der Gerte als äußerer Zügel und äußerer Schenkel wird für Traversalen und Wendungen benötigt.

In dieser Position wird vorwiegend im Stehen und Schritt gearbeitet. Eine Formgebung im Stehen kann einfach in die Bewegung übernommen werden. Die wichtigsten Basis-Übungen in der Groundwork Position sind: Stellung/Biegung im Stand und in der Bewegung, Untertreten, Schulterherein, Kruppeherein und das gebogene Gerade. Ein Vorteil dieser Führposition:  der Mensch hat das Pferd im Blick und kann so Bewegungsabläufe beobachten und lernen seine Hilfen dementsprechend zu koordinieren. Die Herausforderung liegt vor allem zu Beginn im oftmals noch unkoordinierten Rückwärtslaufen des Menschen.

Ein Nachteil ist sicher (so lange das Pferd nicht versammelt ist) die Reduzierung der Gangarten auf den Schritt, da rückwärts laufend eine Arbeit im Trab oder Galopp nicht für jedes Pferd –Mensch Paar so einfach machbar ist.

Handwork Position

 Man unterscheidet zwischen zweihändiger (Zügelarbeit, teils auch mit Gebiss) und einhändiger Handarbeit. Die Voraussetzung ist ein grundlegendes Verständnis der Hilfengebung, das heisst der Mensch muss wissen welche Hilfe mit dem Körper, der Gerte oder dem Zügel im akuten Fall gerade zu Rate gezogen sollte – das Pferd muss die Hilfe freilich annehmen. In der Handwork Position geht es vor allem um Empathie und die Einfühlung des Reiters in das Pferd über die Verbindung mit dem Zügel. Das bedeutet klare Info-aufnahme und Abgabe.

Das Pferd wird auf Schulterhöhe von innen oder von außen geführt. Das Pferd wird mit dem Körper geführt, dieser wirkt somit als innerer Zügel, und das Pferd kann gleichzeitig zur Hand hin suchen. Die Gerte kann unterstützend einwirken als innerer und äußerer Schenkel, aber auch als äußerer Zügel bei der einhändigen Handarbeit. In der Handwork Position werden zu den Seitengängen (Schulterherein, Kruppeherein, Travers, Renvers) die versammelnden Lektionen (Schulgangarten, Piaffe, Passage, Levade) geschult. Als Vorteil der Handarbeit ist die genaue Bearbeitung des Genicks zu sehen. In der Handarbeit kann mit zunehmender Versammlungsfähigkeit in allen Gangarten gearbeitet werden. Die große Herausforderung ist die Beherrschung des eigenen Körpers um dem Pferd die nötige Führung geben zu können. Letztlich geht es um Führen können (Mensch) und sich führen lassen (Pferd).

Lungeing Position

In der Lungeing Position führt der Mensch das Pferd auf Höhe des inneren Schenkels, der Schwierigkeitsgrad erhöht sich mit der Distanz zum Pferd Stück für Stück.

So lässt man sich anfangs von der Handwork Position einfach ein wenig zurückfallen und begleitet das Pferd auf einem zur Bewegung des Pferdes passend groß gewählten Zirkel. In der Akademischen Reitkunst stehen wir nicht in der Mitte, sondern bewegen uns gemeinsam mit dem Pferd auf einer Kreislinie, wir befinden uns dort wo uns das Pferd braucht. Das Pferd lernt so, wie es sich gesund auf einem Kreisbogen bewegen kann. Nur dann ist es dem Pferd möglich, seinen Körper gleichmäßig zu belasten, locker über den gesamten Rücken durch zu schwingen, die innere Schulter effektiv zu entlasten und die Hinterhand vermehrt zu aktivieren. Die Arbeit an der Longe ist ein wichtiger Beitrag dazu, die Schiefe des Pferdes zu korrigieren, ihm zu mentaler Entspannung zu verhelfen und ihm ohne den Einsatz von Hilfszügeln eine gesunde Körperhaltung zu vermitteln. In der Basisarbeit werden die drei Grundgangarten, Losgelassenheit und natürliche Formgebung geschult. Paraden können mit dem Körper oder mit der Longe gegeben werden. Die Distanz zum Pferd wird so gewählt, daß eine effektive Hilfengebung möglich ist, sprich der Mensch befindet sich dort wo er das Pferd mit seinen Hilfen erreichen kann. Die Gerte kann einwirken als innerer Schenkel, um das innere Hinterbein zu aktivieren oder als innerer Zügel die Schulter verschieben. Ist das Pferd sicher  an den inneren Hilfen, haben wir im Advanced Lungeing die Möglichkeit aktiv auf die Geraderichtung des Pferdes einzuwirken indem auch äußere Hilfen aus der Longeing Position gegeben werden können. Das heißt, Lösende und Versammelnde Hilfen können von dieser Position umgesetzt werden. Diese Einwirkung ermöglicht es dem Longeur die Vorderhand auf die Hinterhand auszurichten und vice verso. So werden alle in der Groundwork erabeiteten Lektionen nun auch aus Distanz zum Pferd machbar. Neben den Seitengängen sind im Advanced Lungeing auch alle versammelnden Lektionen möglich. Der Vorteil der Lungeing Position ist auch die Arbeit in allen Gangarten, vielleicht sind anfangs nicht alle Gänge perfekt, aber mit steigender Balance auf dem Zirkel werden sie es durch Übung werden.

Long Rein Position

Das Führen des Pferdes auf Höhe der Hinterhand, die Longe wird im Crossover zum einteiligen Langzügel, die Hand kann als direkter Zügel das Genick beeinflussen, oder am Hals als indirekter Zügel einwirken. Die Gerte kann als äußerer Zügel oder äußerer Schenkel eingesetzt werden, je nachdem welche Hilfe benötigt wird um auf das Pferd einzuwirken. Man unterscheidet zwischen der inneren Position auf Höhe der inneren Hüfte, mittig hinter dem Pferd und der äußeren Position auf Höhe der äußeren Hüfte. Die Basis für die Langzügelarbeit in der Akademischen Reitkunst bieten Groundwork, Handwork und Lungeing/Advanced Lungeing. Nur wenn diese Basics wirklich gründlich erarbeitet wurden ist die Langzügelarbeit das geeignete Tool die Arbeit mit dem gut geschulten und am Boden vorbereiteten Pferd zu vervollständigen. Die Langzügelarbeit ermöglicht es den Rahmen um das Pferd komplett zu machen. Zu Recht gilt die Langzügelarbeit als Königsklasse der Arbeit am Boden, da direkt an der Hinterhand zu arbeiten auch die Gefahr birgt von eben dieser durch unsachgemäße Vorgehensweise getroffen zu werden. So ist eine Loslösung der Langzügelarbeit aus dem Portfolio der Akademischen Reitkunst undenkbar, da ein Pferd ohne eine Schulung der akademischen Hilfengebung am Boden diese Form der Langzügelarbeit nicht dementsprechend verstehen kann. Der Vorteil: man hat alles im Blick von hinten und kann direkt auf die Hinterhand des Pferdes einwirken.

Wie fange ich mit CROSSOVER an?

Man kann bereits das junge Pferd in der Grundausbildung an die fließenden Übergänge von Groundwork zu Handwork oder Handwork zu Lungeing gewöhnen.

Dies ist natürlich abhängig von der körperlichen und mentalen Veranlagung des Pferdes, aber einfache Übergänge vom Führen zum Longieren sind auch in der Basisarbeit schon ein Ausbildungsthema. Die Gewöhnung an die Long Rein Position sollte allerdings behutsam am besten erst nach erfolgter Basisausbildung in den anderen Positionen und zuerst im Stehen erfolgen, etwas zu viel Druck an der Hinterhand kann das junge ungeschulte Pferd durchaus fehlinterpretieren.

Wozu CROSSOVER?

Der größte Gewinn im Crossover ist die Fähigkeit zu schnellen und gezielten Wechseln der Führpositionen mit dem Ziel dem Pferd genauere Hilfen an einer anderen Stelle geben zu können, um den jeweiligen Zustand der Balance positiv zu beeinflussen. Jede der einzelnen Positionen kann ihren Vorteil somit genau dort zur Geltung bringen, wo man eben Hilfe und Unterstützung braucht. Vor, neben, innen, außen oder hinter dem Pferd. Durch den fließenden und direkten Wechsel der Positionen im Crossover, ohne dabei Zügel, Longe oder Zügel umzuschnallen kann passend für jede Lektion oder dem jeweiligen Ausbildungsstand entsprechend die jeweils optimale Position eingenommen werden.

Und in der Umsetzung?

Vielen Dank für diesen Beitrag an Simone Garnreiter. Eine Foto Übersicht über alle Positionen gibt es auf Simones Facebook Seite zum Anschauen. In Bewegung gesetzt poste ich euch noch gerne ein Video von Marius Schneider zum Artikel:

 

Arbeiten wir im Crossover, dann Reiten wir später Einfach 😉

Vorwärts-abwärts! Ja oder Nein?

Vorwärts-abwärts! Ja oder Nein?

Vorwärts-abwärts oder Aufrichtung? Vor- und Nachteile, was kommt zuerst? Was braucht mein Pferd? Und was ist richtig? Zu diesem Thema hatte Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst am 21. und 22. Mai 2016 zu einem spannenden Themenseminar auf sein Gestüt Moorhof in Lüdinghausen auf Burg Kakesbeck geladen. Vortragende waren Bent Branderup und Christin Krischke von der Hofreitschule Bückeburg. Kursteilnehmerin Stefanie Niggemeier hat den Kurs für meine Blogleser zusammengefasst:

Der individuelle Fokus…

Am Samstag wurden bereits alle Teilnehmer mit einem ersten Theorievortrag und anschließender Praxis in das Thema rund um „Vorwärts-Abwärts“ eingestimmt. Dabei kamen schon einige Fragen auf, die mit der Verschiedenheit und den Besonderheiten der einzelnen Pferde korrelierten.

13262610_251506988542843_1626341260_o
Besonders schön war hier der individuelle Fokus. So wurde nicht nur auf die Auswahl des richtigen Werkzeugs wie beispielsweise Zäumung (Kappzaum oder Gebiss, oder sogar Halsring) Rücksicht genommen. Die richtige Technik (Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit oder Reiten), aber auch das Hinzufügen von geometrischen Figuren in der Bahn ( Zirkel, Volte, Schlangenlinien) konnte jedem Pferd somit helfen, die richtige horizontale Balance zu finden.

Diese Balance, das wurde schnell klar, ist so verschieden wie das Individuum selber. Bent Branderup führte hier immer wieder an,…

dass die Ausbildung des Pferdes stets eine ewige Suche bleiben müsse, dass niemals eine Perfektion erreicht werden könne und gerade die Akademische Reitkunst keine generellen Lösungen biete, sondern verschiedene, auf den jeweiligen Menschen und sein Pferd in diesem Moment passende Möglichkeiten gesucht werden müssen.

Am Sonntag dann reiste das Team der Hofreitschule Bückeburg an und der Tag begann mit einem spannenden Vortrag von Christin Krischke, die in ihrem im letzten Jahr erschienen Buch „Du entscheidest“ eindeutig das dauerhafte zu tiefe Reiten des Pferdes in der Bahn kritisiert und Alternativen im Sinne der Lehren der Alten Meister aufzeigen will.

Was ist denn der Punkt der Kritik?

Christin Krischke führte in ihrem mit entsprechenden Bildern untermalten Vortrag aus, dass ein grundsätzlich zu tiefes Reiten des Pferdes keinen Muskelaufbau im aktiven Trageapparat bringen kann und erklärte anhand von verschiedenen, in der Hofreitschule durchgeführten Experimenten, dass Pferde bei einem zu tiefen Reiten schnell auf die Vorhand geraten können. Die Vorhand, so führte sie weiter aus, sei aber nicht dazu geschaffen, zusätzlich zum Gewicht des Pferdes auch noch ein Reitergewicht, noch dazu in schneller Bewegung zu tragen.  Dadurch würden viele Pferde schon vor ihrer Zeit verschlissen und große gesundheitliche Probleme bekommen.

Die einzige Lösung, so die Referentin, sei es, dem Pferd als Reiter aktiv zu helfen, sich selber zu tragen- und das sei anatomisch gesehen nur mit Hilfe der aktiven, tragfähigen Hinterhand und Rumpfmuskulatur möglich. Vor allem in der Versammlung, die immer wieder nur kurz gearbeitet würde, sei dies der Fall und ein stundenlanges Reiten im großen Rahmen mit Reiter auf dem Rücken sei nicht im Sinne der Gesundheit des Pferdes. Anschließend beantwortete Christin Krischke einige Fragen des interessierten Publikums.

Wie sieht Bent Branderup dieses Problem?


Bent Branderup
stimmte in seinem anschließenden Vortrag seiner Vorrednerin in vielen Dingen zu. Auch er hielt es für fatal, die Vorhand oder auch nur ein Vorderbein als Stütze unter den Bauch des Pferdes zu bringen; die Begriffe der „Tragkraft“ im Gegensatz zur „Schubkraft“ definierte er hier ausführlich. So sei das so oft von Gustav Steinbrecht zitierte :„Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ auf keinen Fall so zu verstehen, dass das Pferd bei immer schnellerem Laufen die Hinterbeine immer besser zur Tragkraft nutzen könne.

Ganz im Gegenteil würde auf diese Weise dann die Schubkraft überwiegen. Er bezog sich hier auch auf sein gerade erschienenes Buch „Die Logik hinter den Biegungen“, in dem er Steinbrecht modern interpretiert, und erklärte, was Steinbrecht mit „Vorwärts“ eigentlich meine:

Beide Hinterfüße müssen, um die Vorhand entlasten zu können, immer weiter unter den Bauch nach vorne gearbeitet werden, als dass sie „hinten herausschieben“ können. Nur das Bein, so erklärte er, das unter der Masse sei, könne Gewicht aufnehmen und zum Tragen kommen.

Dazu zeigte auch Bilder verschiedener Pferd in verschiedenen Balancezuständen, so dass das Publikum genau sehen konnte, worum es ihm in seinen Ausführungen ging.

Wie ging es dann weiter?

Im Anschluss kamen einige hochinteressante Fragen aus dem Publikum zu den gehörten Vorträgen.13271663_250720991954776_1781856768_o

So ging es zum Beispiel darum, ob nicht ein Blick in den Pferdekörper mittels Röntgen beispielsweise zeigen könne, wo für dieses Pferd nun die ideale Kopf-Hals-Haltung sei, in der es sich am besten stabilisieren könne. Beide Referenten, teilweise unterstützt von Hofreitmeister Wolfgang Krischke und Diana Krischke, die medizinisch in diesem Bereich an der Universität Witzenhausen forscht, freuten sich über die Inspiration zu diesem Austausch und gaben ihre Meinungen zu diesem und weiteren Themen kund. Schnell waren sich alle einig: ein bestimmtes Ziel in der Ausbildung des Pferdes, beispielsweise die Ausbildung des Pferdes als ein Reitpferd in der Bahn, erfordert auch einen bestimmten Weg. Diesen Weg haben die Alten Meister bereits gefunden, wir müssen nun sehen, wie unsere modernen Pferde von dem in vergangenen Zeiten Formulierten den größten Benefit haben, ohne dass wir dogmatisch in der Vergangenheit festgefahren sind.

Wie sah das in der Praxis aus?

Nach den Vorträgen und anschließender Diskussion wurden die Praxisteilnehmer des Seminars mit ihren Pferden in die Reithalle gebeten und an jedem Pferd wurde, begleitet von Bent Branderup demonstriert, in wieweit dieser Körper vom Ideal abweicht, das die Alten Meister als Optimum des Reitpferdes beschrieben hatten. Natürlich ging es dabei nicht um eine Fehlersuche bzw. Zurschaustellung der jeweiligen Defizite, sondern an eine logische Anpassung der weiteren Ausbildung, wie man helfen könne, was notwendig sei, damit das Pferd lange gesund sowohl sich selbst tragen, als auch mit zusätzlichem Gewicht des Reiters belastet werden könne.

Dadurch konnte man schnell sehen, dass es niemals eine strikte Abfolge von Ausbildungsstufen, wie man heute in der Skala der Ausbildung vermuten könnte geben kann, da die Individualität des Lebewesens Pferd nicht außer Acht gelassen werden darf.

Das, was dem einen Pferd helfe, verschlechtere die Balance des anderen Pferdes – das war aus den vielen Praxisbeispielen für das Publikum sehr gut zu beobachten. Balance, Form und Losgelassenheit seien Dinge, die sich nicht trennen ließen, so Bent Branderup. Gerade auf Letzteres legte er mit den scherzhaft hervorgebrachten Worten „Entspannung, Marsch!“ größten Wert, denn:

„ Nur ein Pferd, dessen Geist seinem Ausbilder zugewandt ist und dessen Körper dadurch weich ist, wird sich formen lassen wollen. Die Abwesenheit von Spannung ist das Ziel, das wir suchen: Harmonie mit dem Familienmitglied Pferd“

betonte Bent Branderup immer wieder. Diese Untrennbarkeit von Geist und Körper ist ihm elementar wichtig, daher solle die Hilfengebung des Menschen immer ein Vorschlag sein, den das Pferd annehme oder sich zuerst in Lösungsansätzen ausprobiere – so, wie es ihm vom Verständnis und der Umsetzung her möglich sei. Hier sei die Akademische Reitkunst eine gute Möglichkeit, mit dem Pferd gemeinsam Zeit schö
n zu verbringen- man könnte sagen „l´art pour l´art“- die Kunst als Kunst ist sich genug.

Dann zeigte das Team Bückeburg den mitgebrachten Schulhengst Raisuli unter Elevin Patrizia Schneider in der angewandten Reitkunst, begleitet von Christin und Wolfgang Krischke. Der Hengst zeigte zuerst die Basisarbeit, wie sie in der Hofreitschule täglich mit den Pferden geübt werde: Seitengänge und Biegungen, zuerst im Schritt, dann auch in Trab und Galopp in einer für das Pferd eingeübten Routine, die es ihm leichter mache, sich in der Arbeit zurechtzufinden. „Übungsabfolge“ nannte Wolfgang Krischke die Arbeit in Schulterherein, Travers uns Renvers. Dann folgte die stärkere Gymnastizierung , nach Vorbild der Alten Meister auch mal in Nachahmung der Arbeit um einen Pilaren herum auf einem sehr kleinen Zirkel.

13282590_251508245209384_874291841_oDass dabei deutlich mehr Seitwärts als unter der Anweisung von Bent Branderup gefordert würde, fällt Christin Krischke sofort auf:

„Wir wollen den Pferden in der angewandten Reitkunst beibringen, dass sie auch dann nicht fallen, wenn sie sich nicht in völliger Balance befinden. Das vermittelt ihnen, so denken wir, ein gutes Körpergefühl.“

Die Motivation der Pferde, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten sieht die Hofreitschule in dem gemeinsamen Erreichen von konkreten Zielen, wie wir im anschließenden Waffengarten vorgeführt bekommen. So freue sich das Pferd ebenso wie der Mensch, wenn die Lanze den winzig kleinen Ring vom Galgen steche. Die Reitkunst in ihrer konkreten Anwendung bekäme eine Zweckmäßigkeit, die Reiter und Pferd erfreuten. Wie eindrucksvoll solch eine Praxis sein kann, zeigt der Hengst Raisuli: hier und auch beim anschließenden Demonstrieren von Lektionen der Hohen Schule konnte man sehen, welche Kräfte unseren Pferden innewohnen.

Das Fazit

Die Diskussion, wie auch die anschließende Arbeit in der Praxis haben alle Teilnehmer beflügelt und inspiriert. Ein Gedankenaustausch auf so hohem Niveau, in einer so freundlichen, konstruktiven Atmosphäre war ein absoluter Genuss und immer wieder wurde klar, dass es niemandem darum ging, „Recht zu haben“. Es ging um Meinungen, die ausgetauscht wurden, darum zu zeigen, dass verschiedene Ziele verschiedene Wege erfordern und darum, dass eine Meinung, so betont Bent Branderup in Konsens mit Christin Krischke immer wieder, niemals eine Religion werden dürfe.

Nicht nur die rhetorisch gelungenen und natürlich fachlich ausgesprochen fundierten Vorträge haben das Dabeisein zum echten Erlebnis gemacht, sondern auch das Gefüh, dass in der Verschiedenheit Gemeinsamkeit und in der Gemeinsamkeit Verschiedenheit liegen kann und darf – all diese Faktoren haben das Seminar zum unvergesslichen Event werden lassen.

Ich freue mich nun schon und bin gespannt auf die kommenden Themenseminare am 11./12.Juli zum Thema „Hankenbeugung“ und am 17./18. September zum Thema „ Facetten der Bodenarbeit“

Stefanie Niggemeier, Barocke Pferdeausbildung


Vielen Dank an die Kurszusammenfassung, liebe Stefanie Niggemeier, sowie die Fotos! Mehr über die Autorin des heutigen Gastbeitrags gibt es auf ihrer Website!

Finden wir also unsere Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten, dann Reiten wir Einfach 😉

signature2

Gib mir Infos in die Hand – Gastartikel Bianca Grön

Gib mir Infos in die Hand – Gastartikel Bianca Grön

Handarbeit – nein hier geht es in der Reitkunst nicht ums Stricken, sondern um Geben und Nehmen von Informationen. Wie das auf hohem Niveau gelingen kann, verrät Bianca Grön in ihrem heutigen Gastartikel:

Die Voraussetzung für die so genannte Handarbeit ist eine gute Vorbereitung – sowohl für den Reiter,als auch für das Pferd in der Longen- und Bodenarbeit. Für die Handarbeit gibt es zwei Führpositionen. Wenn man sich auf der linken Hand befindet, kann man sich entweder links, also innen vom Pferd, oder außen platzieren. Die Zügel werden wie vom Sattel aus einhändig geführt.

Im Gegensatz zur Bodenarbeit, in der man eine Position vor dem Pferd einnimmt und mit dem Kappzaum den Kopf platzieren kann, kommt es in der Handarbeit um das Geben und Nehmen von Informationen an. Bent Branderup sagt in diesem Zusammenhang:

„Eine gute Hand sucht nach Information. Einer Hand, der das Pferd vertraut, wird Information gegeben“.

Aber was war der ursprüngliche Zweck der Handarbeit?

In der heutigen Zeit sind die Pilaren aus den Reithallen verschwunden. Die Handarbeit ist eine Möglichkeit, um die ursprüngliche Pilarenarbeit zu ersetzen, die die alten Meister zur Ausbildung der Pferde benutzt hatten. Bent Branderup selbst bildet seine Pferde zwar in den Pilaren aus, jedoch lehrt er diese Arbeit nicht, da sie ohne konkrete Anleitung im Eigenversuch für Pferd und Mensch zur Gefahr werden kann.

Neben der Möglichkeit die Pilarenarbeit zu ersetzen, ist Handarbeit – von außen geführt noch eine sehr gute Möglichkeit, um die Reiterhand sehr weit zu schulen, ohne „Nebengeräusche“ durch den Sitz zu erzeugen.

Aber wie erkennt man, ob die Hand des Reiters bereits ein gewisses Level erreicht hat?

DSC_4077_kleinEine ungeschulte Hand wird das Pferd eher blockieren, während eine geschulte Reiterhand gelernt hat, die Bewegungsenergie in den verschiedenen Lektionen zu fühlen und zu führen.
In der von innen geführten Handarbeit mit den Zügeln in beiden Händen arbeiten wir viel mit Hilfe der Wand. Dies mag zwar einerseits einer Unterstützung gleich kommen – andererseits werden so Fehler – wie ein Ausfallen der Hinterhand oder der Schulter durch die Präsenz der Wand kaschiert. In der von außen geführten Handarbeit sind wir unabhängig von der Wand und werden leichter auf Probleme, die bereits bestehen oder von uns selbst erzeugt werden aufmerksam. Führen wir jedoch das Pferd zwischen unseren Hilfen in Balance, dann haben wir eine Basis um die einzelnen Körperteile gut aufeinander abzustimmen und auf lange Sicht eine enorme Geschmeidigkeit des Pferdes zu erlangen.

Übrigens: Handarbeit hat auch eine lange Geschichte und Tradition. Römische Reliefs aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stellen bereits die verschiedensten Möglichkeiten der Führpositionen dar. Dies unterstreicht noch einmal: Wir müssen nichts Neues in der Reiterei erfinden – wir müssen uns lediglich auf jahrtausende alte Grundlagen in der Arbeit mit dem Pferd konzentrieren.

Mit der Hand lässt sich damals wie heute nichts produzieren – aber wir können Einfluss auf einen positiven Bewegungsablauf des Pferdes nehmen, beispielsweise lassen sich die Arbeit mit dem Schulschritt und der Schulparade auch wunderbar mit der von außen geführten Handarbeit kombinieren.

Vielen Dank an Bianca Grön für den heutigen Gastartikel!

Alle Fotocredits: Lotte Lekholm

PS: Wer mehr über die Handarbeit von außen geführt erfahren möchte, dem lege ich das heute veröffentlichte Video von Bent Branderup und Bianca Grön dazu ans Herz, das in acht Teilen erscheint. Bent zeigt darin mit seinem PRE „Cara“ die verschiedenen Führpositionen in der Praxis und geht auf die Einwirkungen der Hand in der Boden – und Handarbeit ein. Knabstrupperhengst Tableau demonstriert, wie die Hinterhand durch eine geschulte Parade geschmeidiger werden kann. Und natürlich gibt es auch wieder viele Ausschnitte aus Unterrichtseinheiten von Bent und seinen Schülern rund um das Thema Handarbeit.

Pin It on Pinterest